60 Jahre GWG Lübbenau

Teil 2: Ankommen im neuen System
Unendliche Auswahl, das erste Handy, richtungsweisende Entscheidungen

Auszug aus dem Interview mit Margitta Mathan, Vorsitzende des GWG-Aufsichtsrats, und Hans-Dieter Vollmer, GWG-Vorstand 1992 – 2015:

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Red.: Red.: Frau Mathan, Sie gehören im Aufsichtsrat zu den ersten?

Mathan: Ich muss dazu sagen, ich binschon seit 30 Jahren im Aufsichtsratder GWG. Bei einem Umzug traf ich den damaligen Geschäftsführer Herrn Schneider. Ich meinte: „Herr Schneider, mit Ihnen habe ich ja sowieso noch einHühnchen zu rupfen. Das sehe ich jagar nicht ein, dass in unserem Vorstandnur Männer sind. Die Wohnung ist doch eigentlich ‘ne Frauensache!“ Seine Antwort:„Frau Mathan, würden Sie mitmachen?“ Da konnte ich keinen Rückzieher machen. Seitdem bin ich dabei und froh und glücklich damit.

 

Red.: Red.: Herr Vollmer, Sie waren seit Anfang der 90er Jahre GWG-Vorstand. Wie erlebten Sie diese Zeit?

Vollmer: Als man damals die Mauer fallen sah, dachte man nur „Wahnsinn“. So ungefähr ging es mir zwischen 1992 bis circa 1998. In Spitzenzeiten hattenwir 12 Blöcke parallel in Arbeit. Anfangshatten wir, mein VorstandskollegeHans-Joachim Vogel und ich, ja noch überlegt, neu zu bauen. Grundstückund Pläne gab es schon. Aber es wärezu teuer geworden. Nach der Wendebrauchten wir nicht in Masse riesentolle Wohnungen, wir brauchten bezahlbaren, guten Wohnraum. Wichtig wares zunächst, den Bestand herzurichten. Dächer, dichte Fenster, moderne Heizungsanlagenstanden auf dem Plan. Faustregel war der Spruch, den ich von meinem Kollegen Helmut Kujau lernte:„Bei allem, was du denkst und tust – alles mal 2000.“ (Anm. der Red.: 2.000Wohnungen)

 

Red.: Dennoch eine große Investition. Wie war dies machbar?

Vollmer: Als wir 1992 unseren ersten Fördermittelantrag stellten, landeten wir auf einer Warteliste. 1993 sanken plötzlich die Zinsen für KfW-Kredite.Wir hatten gerade die Sanierung eines Hauses geplant und eine Kostenschätzungerhalten. Nun reichte das Geld, um statt eines Hauses neun mit KfW-Kredit und Eigenmitteln herrichten zu lassen. Innerhalb von 14 Tagen gab‘s den Anruf bei der Bank, wurden die Planungsunterlagen auf die anderen Häuser angepasst. Dann ab nach Berlin mit dem Stapel und es ging seinen Gang.

 

Red.: Red.: Und Sie erlagen nicht dem Fieber der Nachwendezeit, schließlich war nun alles möglich, Material gab es jetzt ja im Überfluss?

Vollmer: Es war verführerisch, aber wirblickten in die Zukunft. 5 – 6 % Zinsen waren damals normal. Künftig Zinsen zahlen für nichts oder zwei Jahre warten, sparen und es mit eigenem Geld machen? Wir entschieden uns zu warten und uns auf die wichtigsten Sanierungsrückstände zu konzentrieren. Noch heute profitiert die GWG von der im Verhältnis geringen Kreditbelastung.Sie hat Handlungsspielräume für heutige Investitionen.

 

Red.: Das Warten brachte ja auch den Vorteil, dass Sie den Bevölkerungseinbruch der 90er Jahre in Lübbenau mit einkalkulieren konnten?

Vollmer: Ich war, glaube ich, der erste, der die Zahlen der Bevölkerungsentwicklung nachrechnete. Damals wollte das noch keiner hören. Ich kam auf perspektivisch 20 % Leerstand. Gleichzeitig erlebte ich über meine Frau, die als Bewährungshelferin arbeitet, welche sozialen Veränderungen vor sich gingen. Wir haben stunden-, tage-,wochenlang diskutiert, was man tun kann. Guter, bezahlbarer Wohnraumwar und ist das Ziel unserer Genossenschaft. Im Grundsatz werden alle gleich behandelt. Wer mehr Geld hat, der investiert auch mal was, kann sich dann auch ruhig austoben, aber nicht auf Kosten der Masse.

 

Red.: Gab es Überraschungen, besondere Erlebnisse in dieser Zeit?

Vollmer: Oh ja. Wir hatten uns zur besseren Kommunikation – wir waren ja alle unterwegs – entschlossen zwei Diensthandys für den Vorstand anzuschaffen. Riesige Teile, eines 1.000 DM.In der Geschäftsstelle ging ein Anruf einer Mieterin ein mit einem Problem. Ich leitete es gleich per Handy an Hans Vogelweiter. Dieser stand gerade zufällig auf dem Baugerüst am Haus der Mieterin und klopfte dann eben mal ans Küchenfenster,um nachzufragen. Sie hat ganz schön geguckt. Dann sahen wir, dass unsere Genossenschaftler älter wurden, wollten unseren ersten Aufzuganbauen, 1993, Otto-Grotewohl-Straße13. Doch die Bewohner sträubten sich,das bräuchten sie nicht. Wir sind mit ihnen extra nach Magdeburg gefahren,um zu zeigen, wie schön es wird. Als er dann gebaut war, freuten sich alle. Kurze Zeit später standen die Nachbarn auf der Matte und wollten auch einen. Das war der Grundstein für unser Aufzugsprogramm, das wir bis heute fortsetzen.Wie gesagt – mit Eigenmitteln und peu à peu.

 

Red.: Frau Mathan, wie lief die Arbeit im Aufsichtsrat in dieser Zeit?

Mathan: Es war immer eine vertrauensvolle Zusammenarbeit. Auf dasWort der Vorstände konnten wir uns verlassen – damals wie heute. Wir sind zwar nicht immer einer Meinung, geht ja auch nicht, haben aber immer einen gemeinsamen Weg gefunden. Ich muss sagen, gerade was den Stadtumbau betrifft, unsere Neustadt ist so schön geworden. Das ist natürlich auch der Zusammenarbeit unter dem Dach der Lübbenaubrücke geschuldet. Da ist Lübbenau viel weiter als andere Städte.

 

Red.: Haben Sie ein Lieblingsprojekt?

Mathan: Ja, unsere Geschäftsstelle. Ichkenne sie ja noch als Kaufhalle. Nun hat sie einen neuen, ganz tollen Charme gewonnen. Was mich so stolz macht: Wir hatten als Aufsichtsrat gesagt, biszu einer Mio. EUR stimmen wir zu, und dann war das auch so, nicht wie beim BER. Ich will nicht größenwahnsinnig werden, ich will, dass die Miete bezahlbar bleibt und die Mieter ordentlich behandelt werden. Das ist jetzt so. Wenn ein Mieter mit einem Anliegen kommt, dann ist da ein Handwerker, der es macht. Das ist es, was uns als Genossenschaft hervorhebt. Auch bei Neueinstellungen achten wir darauf, dass dieser Gedanke passt.

 

Red.: Herr Vollmer, was war für Sie am wichtigsten in dieser Zeit?

Vollmer: Am wichtigsten war 1995/96 die Entscheidung, wir nehmen keine Kredite mehr auf. Unser Prüfberich tvom Prüfverband der Genossenschaftenzeigt, wir stehen sehr gut da, gerade auch im Vergleich zu ähnlichen Unternehmen. Wichtig dann auch die Entscheidung für die Aufzüge.