60 Jahre GWG Lübbenau

Teil 1: Die Gründungsjahre
Schwerer Start, erfüllte Utopie, Gurken für Baumaterial

Hier ein Auszug aus dem Interview mit Hans-Joachim Vogel

Red.: Herr Vogel, Sie sind einer der Gründer der Genossenschaft. Wie war die Situation damals?

Vogel: Im Jahr 1955 kam die Idee auf, eine Wohnungsbaugenossenschaft in Lübbenau zu gründen. Es herrschte akute Wohnungsnot in der Stadt. Vor dem Krieg hatte Lübbenau 4.000 Einwohner. Nach dem Krieg waren es rund 5.000, da circa 1.000 Flüchtlinge hinzugekommen waren. Wir wohnten allenatürlich ohne fl ießend Wasser und mit Toilette draußen.


Red.: Das kann man sich heute garnicht mehr vorstellen.

Vogel: Deswegen waren wir selig mitder Idee. Es war da auch die Rede vonfl ießend Warmwasser in den Wohnungenund einer Heizung, was unsdamals recht utopisch vorkam. Wirbrauchten 30 Mitglieder zur Gründung.Also rührte ich die Werbetrommel beider Post, den Bahnmitarbeitern, denGurkeneinlegern, den Lehrern. Letztlichwaren wir nur 27. Zwei Jahre später mitdem Kraftwerksbau und dem Bau desBKW „Jugend“ kamen genügend Menschennach Lübbenau und so konntenwir 1957 endlich die Genossenschaftgründen.

Red.: Welche Vorbehalte gab esdenn dagegen?

Vogel: Naja, vielleicht ein Beispiel. EineMitarbeiterin der Post wollte immereintreten. Aber jedes Mal wenn es zurUnterschrift kommen sollte, fragte sie:„Und was wird mit meinem Geld?“„Na,das kriegen Sie erst heraus, wenn Siewieder austreten“, sagte ich. Da unterschriebsie nicht. Erst 1957, mit derzweiten Welle, fasste sie den Mut undlebte dann glücklich die ganze Zeit beiuns, bis sie ins Pfl egeheim ging. DasGeld, das sie eingezahlt hatte, schenktesie der GWG. Dafür haben wir einenGiebel in der Schillerstraße begrünt, inder sie gewohnt hatte.

Red.: Wie ging es dann weiter?

Vogel: Tja, da kamen so unerwartete Fragen wie: „Wie viele Zimmer wollenSie denn?“, „Na vier natürlich, ich kann ja nicht wissen, was noch kommt!“Dann hieß es alles selbst aufbauen. DieSchächte für die Stromkabel graben, Malerarbeitenund so weiter. Irgendwann1960 saßen meine Frau und ich dannin unserem Wohnzimmer, drei Zimmerleer, auf 'ner geborgten Couch mit ein paar Obstkisten als Stühle. Die Möbelkamen später. Wände und Türen roh,das machte man selbst. Das Glück warunfassbar: Wir hatten eine eigene Wohnung,mit fl ießend Warmwasser und einerHeizung ohne Kohleschleppen!Red.: Das lief alles reibungslos ab?Vogel: Wir hatten ein ganz anderes Verständniszu den Wohnungen als heute.Es waren ja unsere. Wenn was kaputtging, hat man versucht, es selbst wiederzu reparieren. Eines Tages tropftees vom Dach direkt in unseren Zimmerspringbrunnen.Die Biberschwänzehatten sich aufgelöst. Da hieß es: dasalte Dach abdecken, das neue Dachdecken, alles mit Genossenschaftlern! Das kann man sich heute gar nichtmehr vorstellen. Nur für die Dachlukenhaben wir einen Dachdecker gebraucht. Es war einfach sehr sehr vielEigeninitiative.Red.: Hatte die AWG genügendMittel, die Dachziegel zu bezahlen? Vogel: Als Genossenschaft wurden wirja staatlich unterstützt. Das war ein Vorteilgegenüber den privaten Vermietern,die nicht wussten, wie sie ihre Häuserin Schuss halten konnten bei den geringenMieten. Ich hab damalsfür meine 4-Raum-Wohnung– 74 m² – 50,50 Mark bezahlteinschließlich Wasser undHeizung. Aber davon konnteman kein Gebäude unterhalten. Die Partnerunternehmenhaben unterstütztmit Technik. Überden Rat des Kreises wurdendann die Diff erenzen für Investitionenausgeglichen.

Red.: Dann konnten Sie ja ausdem Vollen schöpfen?

Vogel: Das Problem war nicht das Bezahlen,sondern das Bekommen. Wieoft ist der Schneider Hans (Anmerkung der Redaktion: damaliger Vorstandder AWG/GWG) zu mir ins Bauamt gekommen:„Mensch besorg' mir dochwenigstens zehn Toilettenbecken, ichweiß nicht, was ich den Leuten sagen soll.“ Und ich bin dann zur Baustoff versorgung,schließlich kannte ich ja Hinzund Kunz. Da haben wir wieder 'ne FlascheWein auf'n Tisch gestellt oder'npaar Gläser Gurken und dann warenzehn Toilettenbecken da. Zwei Winkelschleiferhaben wir für den ganzenBezirk Cottbus bekommen, dasglaubt heute doch keiner mehr!

Red.: Und dann hatauch keiner mehr gefragt,woher es kam?

Vogel: Nö, wenn allesgut war, war es ok. Hansist mit kistenweise Gurken umher gekarrt,um was zu bekommen für dieGenossenschaft. Das war das, was wirhier hatten und andere eben nicht.Red.: Herr Vogel, haben Sie herzlichenDank für das Gespräch zuden Anfängen der GWG!