Lübbenauer Geschichte(n) 6

Das „Kulturhaus der Eisenbahner“

Ein Ort für Kultur, Freizeitspaß und Bildung

Das „Kulturhaus der Eisenbahner“ war neben dem Elternhaus gewissermaßen mein eigentlicher „Nabel der Welt“, da ringsum meine Spielkameraden wohnten. Neben der Bücherei links unten, befanden sich überall Zirkelräume, wobei ich dem Zirkel der Briefmarkensammler unter Rektor Haupt angehörte.Auch das Vorfeld des Kulturhauses, mit der heute noch erkennbaren Kastanienallee, wurde intensiv genutzt. Im Bild oben probt das Zupforchester (Zither
/ Mandoline) unter Leitung von Georg Schwanebeck. Im Hintergrund eine seltene Aufnahme der bis nach 1960 existierenden „Todt-Baracken“, in denen Flüchtlinge aus Schlesien untergebracht waren.

„Kultureller Höhepunkt“ für Kinder waren die zweimal wöchentlich stattfindenden Kinoveranstaltungen im oberen Saal, da gegen Ende der 1950er Jahre die Anzahl der Fernsehapparate in Lübbenau noch an einer Hand abzuzählen war. Der Eintrittspreis hat sich mir durch eine „Verlust-Anekdote“ eingeprägt: Meine Großmutter verlor im Gedränge einen Geldschein, der die Höhe des gemeinsamen Eintrittsgeldes ausmachte – einen Fünfzigpfennigschein. Da wir uns später mit dem Filmvorführer angefreundet hatten und vor der Vorstellung seine Filmrollen per Hand zurück spulten, besaßen wir das Privileg des freien Eintrittes. So sahen wir mehrfach und wirklich alles, was zu dieser Zeit über die Leinwand flimmerte. Der weitere Einzugsradius erstreckte sich von hier über die Friedhöfe bis zum Güterbahnhof, wo auf den Gleisen damals fast alle Güter bewegt und umgeladen wurden. Somit war, anders als heute, das Umfeld des Güterbahnhofs wohl der belebteste Ort der Stadt, wenn man vom „Landungsplatz“ während der Saison absieht. Insbesondere die Kneipen im Bahnhofsumfeld wie die Mitropa, die „Dschungelbar“ und Mehlans Gaststätte waren ständig brechend voll.

Michael Lange


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Lübbenauer Geschichte(n) 5

Sommer, Sonne, Kaltgetränke

Das Bier im Wandel der Zeit

Schon als Kind musste ich viel Bier trinken, allerdings Malzbier der Firma Schultze Söhne aus Cottbus (siehe Bierdeckel links). Wöchentlich einmal kam das Bierauto und hielt alle paar 100 m mit lautem Gebimmel. Dann lief ich mit meiner Oma zur fahrbaren Zapfstelle, um ein bis zwei Eimer noch unreifes Malzbier zu kaufen. Anschließend wurde es in Flaschen umgefüllt und in den kühlen Keller geschafft. Nach ein paar Tagen war es „fertig“ und stand wohl wegen der Hefe unter starkem Druck. Nur zu „hohen Feiertagen“ gab es bunte Brause in den Farben Weiß, Orange, Rot oder Grün.

Mit zunehmendem Alter nahm ich auch alkoholisiertes Bier zu mir. Die Auswahl war für Lübbenauer nicht groß: Nachdem die Stadtbrauerei Babben wegen der defekten Braupfanne die Jahrhunderte währende Bierproduktion 1974 einstellen musste, gab es im Stadtgebiet überwiegend Missener „schaumgebremstes“ Bier, dem es spürbar an Hopfen und Malz fehlte. In einigen Gaststätten wie Haschenz wurde das etwas süffigere Drehnaer kredenzt. Radeberger und Wernesgrüner waren nur aus großstädtischen Hotels bekannt, wo sie in Verbindung mit einem Glas Sekt für teures Geld als „Herrengedeck“ gereicht wurden. Mit der Wende brach dann zumindest biermäßig das Schlaraffenland aus.

Michael Lange

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Lübbenauer Geschichte(n) 4

Die Touristen kommen! Per Sonderzug direkt nach Lübbenau

Nach Beseitigung der gröbsten Kriegsschäden setzte in den frühen 1950er Jahren auch in der DDR ein bescheidener Wohlstand in. So reiste man aus Berlin und den Metropolen Sachsens und Anhalts, aus Dresden, Leipzig, Karl-Marx-Stadt (heute wieder Chemnitz) und Halle zunehmend in den Spreewald.

Noch bis weit in die 1970er Jahre reisten die meisten Spreewaldbesucher in Ermangelung eines eigenen „fahrbaren Untersatzes“ mit öffentlichen Verkehrsmitteln an. Zu diesem Zweck wurden durch das staatliche Deutsche Reisebüro (DER) und die Deutsche Reichsbahn (DR) sonn- und feiertäglich Sonderfahrten direkt zum touristischen Zielort Lübbenau ohne lästiges Umsteigen organisiert.

Besonders an Sonntagen trafen mehrere Sonderzüge aus den DDR-Metropolen ein. Auf dem Bahnhofsvorplatz wurden die in „feinem Sonntagsstaat“ angereisten Gäste durch die Lübbenauer Reichsbahn-Blaskapelle (der Standort Lübbenau beschäftigte in Eisenbahn-Hochzeiten damals knapp tausend Eisenbahner!) und Trachtenmädels aller Altersklassen begrüßt. Dann formierte sich ein Umzug über die Poststraße zum Landungsplatz (damalige Bezeichnung für den Großen Hafen). Ganz am Rande sind hin und wieder Motorfahrzeuge meist, aus Vorkriegsproduktion, zu sehen.

Ich erlebte als Kind ganz persönlich die segensreichen Auswirkungen des zunehmenden Spreewaldtourismus, da meine Mutter um diese Zeit einen privaten Andenkenkiosk am Landungsplatz betrieb, der saisonal reichlich Gewinn abwarf. Meine Aufgabe war es, auf der Post bei Fräulein Paschke bogenweise grüne 10 Pfennig-Briefmarken zu holen, die zigtausendfach auf Ansichtskarten „Gruß aus dem Spreewald“ geklebt wurden.

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Lübbenauer Geschichte(n) 3

Winter im Spreewald: Segen für Schuhmacher und beeindruckter Fontane von Michael Lange

Bis weit in die 1950er waren die „Echten Spreewälder“ im allgemeinen Gebrauch. Die „Harpune“ diente als
Eisfühler, Balance- und mögliches Rettungsinstrument, letzteres dann, wenn ein anderer Läufer einbrach, was
häufig genug vorkam. Bevor die „Komplettlösung“, Schuh und Kufe „aus einem Stück“, allgemein erschwinglich
wurde, mussten die Schlittschuhe an vier Punkten mittels eines Schlüssels an die Schuhsohle geschraubt und mit Lederriemen fixiert werden. Diese Befestigungsart verschaffte den Schuhmachern reichlich Brot.

Theodor Fontane recherchierte während seiner 1859er Sommerreise in den Spreewald auch über den winterlichen Eislauf, obwohl er solche Läufer nie zu Gesicht bekam: „Wenn es schon ein reizender Anblick ist, diese schlanken und stattlichen Leute in ihren Booten vorüberfahren zu sehen, so steigert sich dieser Reiz im Winter, wo jeder Bootfahrer ein Schlittschuhläufer wird. Das ist dann die eigentliche Schaustellung ihrer Kraft und Geschicklichkeit. Dann sind Fluss und Inseln eine gemeinschaftliche Eisfläche und ein paar Bretter unter den Füßen, die halb Schlitten halb Schlittschuh sind, dazu eine sieben Fuß lange Eisstange in der Hand, schleudert sich jetzt der Spreewäldler mit mächtigen Stößen weit über die blinkende Fläche hin. Dann tragen sie auch ihr nationales Kostüm: kurzen Leinwandrock und leinene Hose, beide mit dickem Fries gefüttert, und Spreewaldstiefel, die fast bis an die Hüfte reichen.“

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Lübbenauer Geschichte(n) 2

Die rasante Entwicklung Lübbenaus von 1957 bis 1960 von Michael Lange

Zum Jahresende 1960 zählte Lübbenau knapp 12.000 Einwohner. Die Einwohnerzahl Lübbenaus hatte sich innerhalb von nur drei Jahren mehr als verdoppelt – rein quantitativ die dynamischste Phase der Stadtgeschichte:

31.12.1956  Lübbenau hat 5.360 Einwohner.
07.01.1957  Beginn der Tiefbauarbeiten in der Straße des Aufbaus, eine Woche später auf dem Kraftwerksgelände
05.08.1957  Beginn der Bauarbeiten an der Eichen- und Lindenallee
05.12.1957  Eröffnung der „Holzoper“ an der Barackenstadt
31.12.1957  Lübbenau hat 5.878 Einwohner.
31.12.1958  Lübbenau hat 8.411 Einwohner.
10.03.1959  Eröffnung des „Bandladen“ an der Bahnhofstraße
06.10.1959  Eröffnung der HO-Gaststätte „Turbine“
31.12.1959  Lübbenau hat 10.669 Einwohner.
01.09.1960  Eröffnung der POS II (Gymnasium)
02.12.1960  Alle sieben Schornsteine des Kraftwerks sind fertig
31.12.1960  Lübbenau hat 11.976 Einwohner

Die „Gründerjahre“ der Lübbenauer Neustadt (ursprüngliche Bezeichnung: Wohnstadt für das Kraftwerk) lassen sich durchaus mit denen im Wilden Westen vergleichen, obwohl rauchende Colts hier nicht üblich waren. So könnte der 1965 abgesetzte DEFA-Film „Die Spur der Steine“ mit Manfred Krug einen anschaulichen Vergleich zu den damaligen kreativ-provisorischen Verhältnissen liefern, wo Bretter zur Hauptwegebefestigung dienten und ein Heer von Montagearbeitern auch das sonntägliche Altstadtbild bevölkerte.

Nach 1960 beruhigt sich die Lage, die „Zwischenbelegung“ (mehrere Familien in einer Wohnung) wird seltener. Mit der Fertigstellung des Kraftwerkes Lübbenau (1.300 MW) erfährt die Nachbarstadt Vetschau (Baubeginn 1959, 1.200 MW) eine zeitlich versetzte ähnliche Entwicklung. 

Die „ökonomischen Hebel“, die so viele Menschen nach Lübbenau zogen, wurden allmählich von „Volllast“ auf „Normalbetrieb“ umgelegt. Neben der legendären „Holzoper“ (Kulturhaus der Gewerkschaften) direkt neben der Barackenstadt entstand sehr bald die ebenso legendäre „Turbine“ an der Apfelallee, wo auf „höherem Niveau“ serviert wurde. Der handgemalte Aufsteller vor der „Turbine“ hat sich mir tief eingeprägt: Ein freundlich lächelnder Herr mit Krawatte steht einem elend aussehenden „Halbstarken“ in Röhrenhosen und Kunstlederjacke gegenüber, wobei letzterer auch noch durchgestrichen war. Besondere Aufmerksamkeit erregte in der „Turbine“ eine bis dato noch nicht gesehene chromblitzende Maschine, die bei Münzeinwurf wie von Geisterhand Schallplatten auflegen konnte. Die „Ohrwürmer“ dieser Zeit hießen „Damals“ und „Ramona“. 

Die obigen Fotos dieser Jahre zeugen vom Bau befestigter Wege und Grünanlagen. Ein interessantes Detail ist auf dem Foto oben links erkennbar, wo zwei Warnbaken auf Zugbetrieb im Wohngebiet hinweisen. Auf diesen Gleisen wurden die Großplatten mit kleinen Dieselloks von den „fliegenden Plattenwerken“ am Rande der Neustadt direkt zur Baustelle transportiert.


Michael Lange

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Lübbenauer Geschichte(n)

Der unbekannte Weltstar Nico von Michael Lange

 Die mystische Welt dieser Friedhöfe beeindruckte uns Kinder um die Eisenbahnerhäuser sehr stark und nach Einbruch der Dunkelheit mieden wir diese Orte. War die Grabpflege auf dem städtischen Friedhof jedoch ein Teil des Alltagslebens, so strahlte das unzugängliche Lynarsche Erbbegräbnis eine besonders geheimnisvolle Aura aus.

So ähnlich mag es einem kleinen Mädchen ergangen sein, das nach 1942 vor den zunehmenden Bombenangriffen auf deutsche Großstädte mit ihrer Mutter ins vergleichsweise ruhige Lübbenau floh. Es wohnte bis nach 1945 bei seinem Onkel, dem Lokführer Walter Schulz, in der Güterbahnhofstraße 4, Parterre links.

Christa Päffgen, später weltberühmt geworden und Nico genannt, wurde im Sommer 1944 in Lübbenau eingeschult. Kurz vor ihrem frühen Tod im Jahre 1988 stattete sie ihrem Onkel einen letzten Besuch in der Güterbahnhofstraße ab. In der Literatur über sie findet sich oft der Hinweis, dass die nahen Lübbenauer Friedhöfe ihr Lieblingsspielplatz waren. Es ist daher nicht ganz ausgeschlossen, dass ihre von deprimierender Düsternis erzählenden Lieder auch von ihren Kindheitserlebnissen im Umfeld des Güterbahnhofs geprägt wurden.

Besonders die Mitglieder des Lübbenauer Kulturhofs bemühen sich seit Jahren, trotz ihrer nicht unumstrittenen, drogenumwölkten Lebens, vor allem aber wegen ihres wichtigen Beitrages zur Weltmusikgeschichte, Nico hier ein Denkmal zu setzen.

Nachdem sie durch die Pariser „Vogue“ zu Beginn der 1950er-Jahre als Model entdeckt wurde, erhält sie ihre erste kleine Rolle in Fellinis Film „La Dolce Vita“ und lernt bald darauf Alain Delon kennen, der Vater ihres Sohnes Ari (Christian Aaron) wird, die Vaterschaft jedoch abstreitet, da er zu der Zeit mit Romy Schneider liiert ist.

In London trifft Nico Brian Jones und nimmt für das Rolling-Stones-Label ihre erste Single „The Last Mile / I’m Not Sayin“ auf. Bob Dylan führt sie in New York in Andy Warhols Factory ein, wo sie bei der von Warhol gemanagten Band Velvet Underground landet: „Die Velvets brauchten ein Element von Schönheit im Kontrast zu dieser schrillen Hässlichkeit, die sie transportierten. Ein wahrhaft schönes Mädchen inmitten ihrer ganzen Dekadenz war haargenau das Richtige. Und das war Nico“, so Paul Morrissey (nach „Rock im Sarg“, soulsaver edition 2008, S. 146).

Besonders Lou Reed und John Cale, heute berühmte „Altmeister“ der gemeinsamen „wilden“ Velvet-Jahre, beeinflussen ihre künstlerische Entwicklung maßgeblich. Schließlich bestärkt Jim Morrison von den Doors Nico in ihrem Wunsch, ganz eigene musikalische Wege zu gehen, die teilweise in deutscher Sprache verwirklicht werden. Sein Titel „The End“ klingt bei Nico noch unheilvoller. In ihrer Diskografie finden wir daneben zahlreiche Titel von James Young, Lutz Ulbrich (LüüL), David Bowie (Heroes), Bob Dylan und Jackson Brown.

1985 beschließt Nico endlich von Heroin auf Methadon umzusteigen und wird strenge Vegetarierin. 1988 stirbt sie auf Ibiza an einem Blutgerinnsel im Gehirn. Ihr Leben wurde 1995 von Susanne Offterdinger verfilmt und unter dem Titel „NICO ICON“ im ZDF ausgestrahlt, in den auch eine Lübbenauer Sequenz eingeblendet ist. Trotz ihrer Welterfolge ist die Künstlerin in Deutschland fast unbekannt.

Reinhören:
Nico – Frozen Warnings (1969)
http://www.youtube.com/watch?v=d2BLs1w6OqA

        zaunsäule 1947

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Bilder:
Nico - last.fm
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